Reinhardt Sampl
Portrait
„Die weich und schmeichelnd konturierten Körperlandschaften erhalten durch die Lenkung des Lichts eine fast szenische Raumwirkung.“
Zitat von Georg Mühlberger aus dem Katalog 2011. Hier den ganzen Text lesen.
Legende: ACR-MP = Acryl auf Malplatte; ACR-K = Acryl auf Karton; ACR-L = Acryl auf Leinwand; AQU-P = Aquarell auf Papier
Die Bilder Reinhardt Sampls
Wer den Lungau nicht kennt, der kennt eine besonders reizvolle Landschaft der Ostalpen nicht, jenen südlichsten Winkel des Bundeslandes Salzburg, wo die Quellarme der Mur sich aus den Tälern der Niederen Tauern heraus gleich einem umgekehrten Delta zur Mur vereinigen; zu jenem Fluss, der in seinem weiteren Verlauf ostwärts in die Steiermark eintritt, bis er bei Bruck jene entschiedene Wendung nach Süden nimmt, die ihn schließlich jenseits der Grenze in die Drau münden lässt. Der allererste Abschnitt des Murtales mit seiner überraschenden Weite, dem sich Dörfer und Seitentäler zuordnen, mit seinen zwischen Wiesen und Feldern sanft ansteigenden und abfallenden bewaldeten Kuppen und den hohen Bergen im Hintergrund, ist die Heimat des Malers Reinhardt Sampl.
Landschaften, in denen wir aufwachsen, in die wir hineinwachsen, prägen unsere Wahrnehmung. Das Weite, Ausgedehnte, die Berge, der nahe oder der ferne Horizont sind für den Menschen nicht nur als topographische Gegebenheiten in der Natur vorhanden. Als prägendes Erlebnis erhalten sie ihr Gegenstück in der ganz persönlichen, unverwechselbaren, originellen Art, mit der der Bewohner einer Gegend die Dinge sieht, mit ihnen in Dialog tritt und sie verinnerlicht. Wie sonst wäre der Vorgang zu erklären, der einen Menschen zum Kind einer Landschaft werden lässt?
Diese starke Urbindung, aber auch die ausgreifende Leidenschaft, der sichtbaren Welt, wie und wo immer er sie kennenlernt, mit Farbe und Pinsel zu begegnen und sie ins Bild zu bannen, sind ein Markenzeichen Reinhardt Sampls. Seit seiner Jugend sucht sich das unbändige Naturtalent in ihm einen ganz persönlichen Weg.
Die Anfänge liegen in einem farblich verhaltenen, fast zeichnerischen Naturalismus, der eine strenge, selbst auferlegte Schule war. Was motivisch und technisch geradezu die Tradition der altösterreichischen Landschaftsmalerei fortzuführen scheint, bricht Ende der Achtzigerjahre zu einer neuen Formensprache durch. In den Porträts bleibt der Naturalismus sein Ziel. In den Landschaften aber und in den Akten ist die Natur der Ausgangspunkt für das freie Spiel mit Farbe und Form, das in der Perspektive mitunter an die Städteporträts und Landschaften Oskar Kokoschkas erinnert.
Sampl, der in Bozen zum zweiten Mal (in Südtirol insgesamt zum dritten Mal) ausstellt, zeigt diesmal Stationen der jüngeren Entwicklung seiner Kunst, einen Querschnitt durch das Schaffen der letzten Jahre. Anknüpfend an die Ausstellung von 1998 sind als Rückblende auch einzelne Beispiele früherer Arbeiten dabei. Die Palette reicht von intimen Akten, stimmungsvollen Landschaften, Städtebildern zu visionären Landschafts- und Motivabstraktionen. Vertreten sind auch Beispiele seiner Farbradierungen, an deren aufwändigen technischen Herausforderungen er mit großer Hingabe arbeitet.
Man erkennt an den Bildern der Ausstellung, dass Sampls Vorliebe für das Liegende, das auch trotz innerer Dynamik ausgebreitet Ruhende, weiter besteht. Wir finden in den Bildern auch das blattbeherrschende Spritzverfahren mit dem nassen Pinsel vor, das die charakteristische Raum- und Tiefenwirkung markant verstärkt. Gleichsam „landschaftlich“ ist auch das Kompositionsprinzip bei den Akten und selbst in manchen abstrakten Bildern. Unverkennbar ist aber in vielen Bildern der jüngeren Zeit die Steigerung der Bildsprache ins Expressive, der oft unbändige Gestus, die strahlende Leuchtkraft der Farben. In den fast monumentalen (Landschafts-)Triptychen brechen auch die Formate aus dem gewohnten Rahmen aus.
Das extreme panoramische Breitformat, das Sampl gerne verwendet, scheint sich gleichsam aus der leichten Schwenkung des Blicks im Raum zu ergeben. Die Triptychen teilen den Blick in drei Teile, die in der Betrachtung zu einem strukturierten Ganzen verschmelzen. In der vertikalen Bewegung des Blickes gilt Ähnliches für die Bildkomposition der Hochformatlandschaften. Wie aus der Vogelperspektive dehnen sich Landschaften in die Tiefe und behalten doch ihre fast topographische Plastizität.
Sehr deutlich aber zeigen Sampls Arbeiten, dass die reizvolle Naturgestalt des malerischen Gegenstands allein bei weitem nicht das Bild ausmacht. Das zentrale Malmotiv und der gestalterische Reiz gehen vom Licht aus. Das Licht im Bild ist das eigentliche Zentrum, sein Spiel steht in Wechselwirkung mit den Farben und der gesamten Komposition. Sampls Studienreisen der letzten Jahre sind Aufbrüche zu neuen Lichtstudien. Ob in Island, in Spanien oder in Moskau, ob auf dem Land oder am Wasser, die Spielarten des Lichts sind Gegenstand seiner unersättlichen Suche. Die Erfahrungen, die er in der Landschaftsmalerei macht, übertragen sich auch auf die Stimmung seiner Akte. Die weich und schmeichelnd konturierten Körperlandschaften, oft vor intensiven Hintergrundfarben angelegt, erhalten durch die Lenkung des Lichts eine manchmal fast szenische Raumwirkung.
Chiffrenartig, aber im Impuls stark und heftig, äußert sich das Ringen um die abstrakte Form des Malens, in der die Reduktion auf das Zweidimensionale nicht durch die landschaftliche oder szenische Raumillusion unterstützt wird. Licht und Farbe werden in den abstrakten Bildern zu pulsierenden Elementen. In den mit scheinbar ungebremstem Farbauftrag gestisch ausgeführten Bildern formiert sich eine eruptive Dynamik, als ob sich die Leidenschaft des Malens aus Begrenzungen befreien möchte, bevor der Künstler sein Werk ernüchtert mit strengem Auge prüfen wird. Im expressiven Akt scheint der Maler zu dem vordringen zu wollen, was auf seine Seele wirkt.
Sampls Malweise hat sich in den letzten Jahren in diese Richtung akzentuiert. Nach wie vor ist zwar das Aquarell ein bevorzugtes Medium, das er mit lichtdurchfluteten Farbaufträgen im Spiel zwischen scharf abgegrenzter Linie und weich fließender Auflösung der Formen meisterhaft beherrscht. Zunehmend aber mischt er die Techniken oder nützt mit verwegener Freude am Experimentieren die Farbwirkungen der Acrylmalerei, die transparent lasierend oder als starker Farbakzent verwendet wird. Von daher erhalten Sampls Bilder die charakteristische leuchtende Brillanz der Farben, die im Spiel mit lasierender Licht- und Schattenwirkung entsteht. Diese Wirkung kommt besonders auch in den Winterlandschaften zum Tragen, macht sogar gleißende Gegenlichteffekte möglich. In den Landschaftsbildern folgt die Farbgebung farbperspektivischen Gesetzen und spielt mit der sinnlich wahrnehmbaren Wirkung der Lichteinflüsse. In den abstrakten Bildern löst sich Sampl von der sinnlichen Wahrnehmung und setzt die Farben absolut und bildtragend als Elemente der Komposition.
Aus Sampls Malerei sprechen anhaltend und wohltuend ein positives Verhältnis zur Natur und der in seinem Lebensgefühl verankerte Sinn für ihre Schönheit. Auch mit der aus innerem Impuls sich ereignenden Abstraktion tritt seine Kunst in Zwiesprache mit dem Betrachter. Sie macht es ihm nicht schwer, dem Auge des Malers zu folgen, die Botschaft zu lesen und den dadurch hervorgerufenen Gedanken, Wahrnehmungen und Empfindungen nachzusinnen.
Georg Mühlberger
Katalog zur Ausstellung im Südtiroler Kulturinstitut, Bozen, Mai 2011




























